Dominik Feusi v/o Caritas

Berchtoldia scan 300dpi optDie Reformverbindung Berchtoldia (Bern) präsentiert sich ein Jahr nach ihrer Gründung schlicht und ohne couleurstudentischen Prunk.

Vor 100 Jahren wurde in Bern die Reformverbindung «Berchtoldia» gegründet – als Antwort auf deutsche Trinksitten.

Ende Mai 1917: Rund um die Schweiz tobt der Weltkrieg. Dass es der erste sein würde, weiss zu diesem Zeitpunkt noch niemand. Dieser Krieg ist etwas völlig Neues, sowohl für die Militärs, die Politiker als auch für die Bevölkerung. In der Schlacht bei Arras, im Norden Frankreichs, haben die mit Frankreich verbündeten Briten und Kanadier gegen die Deutschen eben einige Gelände­gewinne erzielt, aber in einer einzigen Woche 150 000 Soldaten verloren.

Der Krieg steht bereits im dritten Jahr. In den Schweizer Städten wird die Versorgung mit Lebensmitteln schwierig. Soldaten und ihre Familien geraten in finanzielle Not, denn einen Erwerbs­ersatz für die immer wieder an die Grenze beorderten Truppen gibt es nicht. In Russland läuft die Revolution, seit Lenin im April in einem plombierten Zug aus dem Exil in der Schweiz in seine Heimat gefahren wurde. Es herrschen chaotische Zustände.

Am 29. Mai desselben Jahres treffen sich im Restaurant Schmiedstube in der Berner Altstadt sieben jurassische Studenten. Sie gründen eine Studentenverbindung neuen Typs und nennen sie in Anlehnung an Berchtold V. von Zähringen, den Gründer der Stadt Bern, «Berchtoldia». Sie wird die erste «Reformverbindung» in der Schweiz, einer neuen Art von studentischem Verein. Noch im gleichen Sommer erhält sie die definitive Genehmigung des damals noch katholischen Dachverbandes von Studentenverbindungen, des Schweizerischen Studentenvereines (StV). Die Berchtoldia grenzt sich ab von den verbreiteten deutschtümelnden Studentensitten mit Biertrinkzwang, rituellem Trinken und ebenso opulenten wie kostspieligen Feiern in den bestehenden akademischen Kreisen in Bern. Sie will mehr Wissenschaft und soziale Verantwortung in ihrem Vereinsbetrieb.

Zwei der sieben Gründer waren Monate zuvor aus einer anderen Berner Verbindung, der «Burgundia», ausgeschlossen worden, weil sie weniger trinken und sich mehr wissenschaftlich betätigen wollten. Auf ihre scharlachroten Mützen sticken sich die Gründer bewusst nicht einen schön geschwungenen, an deutsche Verbindungen erinnernden Verbindungszirkel, sondern das schlichte Schweizerkreuz.

Der grosse Graben

Es ist kein Zufall, dass die Gründer der neuen Verbindung aus der Romandie stammten. Und auch nicht, dass die Gründung mitten in den Weltkrieg zu liegen kam. Das kleine Ereignis in der «Schmiedstube» versinnbildlicht eine schwierige Krise des noch nicht so alten Bundesstaates   – und die schweizerische Antwort darauf, sich auf Gründungsideale zurückzubesinnen und dem deutschen Korpsstudententum eine schweizerische Antwort entgegenzusetzen.

Der Kriegsausbruch im Sommer 1914 stellte die Schweiz auf eine seit 1848 nie da gewesene Probe. Aus der Konfrontation zwischen Deutschland und Frankreich wuchs zum ersten Mal ein offener und grundsätzlicher Graben zwischen der Deutschschweiz und der Romandie. Besonders der deutsche Nationalismus seit der Reichsgründung 1871 war nicht spurlos an der deutschen Schweiz vorübergegangen. Auf beiden Seiten gab es Scharfmacher, die mehr oder weniger offen darüber nachdachten, ob es nicht besser wäre, statt einem komplizierten und mehrsprachigen Kleinstaat einem grösseren Ganzen, sei es der aufstrebenden Kulturnation Deutschland oder dem älteren und in den Augen vieler Romands überlegenen Frankreich, anzugehören.

Die Wahl von Ulrich Wille zum General der Schweizer Armee, deutscher Korpsstudent und mit der deutschen Clara von Bismarck verheiratet, wurde in der Westschweiz besonders kritisiert. Der Überfall der Deutschen auf das neutrale Belgien und Berichte über deutsche Kriegsgräuel wie die Zerstörung der Stadt Löwen Ende August 1914 schürten die Antipathie gegenüber einer deutschfreundlichen Elite in Armee und Politik. Spätestens seit der «Obersten-Affäre» 1915/1916, bei der bekannt wurde, dass zwei Offiziere des Nachrichtendienstes Informationen an Deutschland weitergeleitet hatten, standen Deutschland, deutsche Formen und damit auch deutsches Verbindungswesen unter generellem Verdacht. Am 27. Januar 1916, dem Geburtstag des deutschen Kaisers Wilhelm II., rissen antideutsche Gymnasiasten die kaiser­liche Fahne am deutschen Konsulat in Lausanne herunter.

Neben den Scharfmachern gab es auch ausgleichende Stimmen, die zum Zusammenhalt des Landes mahnten, besonders in der Neuen Helvetischen Gesellschaft (NHG), wie der spätere Literaturnobelpreisträger Carl Spitteler. Er rief in einer aufsehenerregenden Rede im Dezember 1914 zu einer «eidgenössischen Kopfklärung» auf. Das Land müsse einen eigenen «Schweizer Standpunkt» einnehmen, zusammenfinden und sich weder an Deutschland, noch an Frankreich anlehnen. Die Landesgrenze müsse auch für die «politischen Gefühle» eine Grenze sein. «Alle, die jenseits der Landesgrenze wohnen, sind unsere Nachbarn, und bis auf Weiteres liebe Nachbarn; alle, die diesseits wohnen, sind mehr als Nachbarn, nämlich unsere Brüder.» Das Bekenntnis zur Schweiz der sieben Romands in der «Schmiedstube» in Bern ist so inspiriertes patriotisches Zeichen, in einer Zeit der äusseren wie inneren Gefahr für die Willensnation Schweiz.

Nur: Dieses Motiv haben die Gründer der Reformverbindung nicht neu erfunden. Der Schweizerische Studentenverein, dem die sieben zum Zeitpunkt der Gründung der «Berchtoldia» bereits angehören, kennt dieses patriotische Bekenntnis aus seiner eigenen Geschichte. Er wurde 1841 in Schwyz als Reaktion auf die Saubannerzüge der protestantischen Liberalen gegen Luzern gegründet, bemerkenswerterweise aber nicht als antimoderner Verein gegen einen Bundesstaat, sondern für einen Staat, der die kantonale Souveränität und Eigenheit bewahren sollte.

Nur nach und nach nahm er studentische Formen, wie eine farbige Mütze, farbiges Band und damit verbundene Hierarchien und Trinksitten, an. Dieses Brauchtum wurde von den Auslandssektionen des Verbandes in die Schweiz gebracht, die es bei deutschen und österreichischen Verbindungen abgeschaut hatten. Hierzulande gab es bis 1889 keine katholische Universität, weshalb viele Studenten in Freiburg im Breisgau, München oder Innsbruck studierten.

Gegen den Prunk

Der Studentenverein hatte sich von Anfang an als patriotischer Zusammenschluss verstanden und in den ersten 35 Jahren auch protestantische Mitglieder gehabt. Nach der Niederlage der Katholiken im Sonderbundskrieg von 1847 half er mit, die Verlierer in den neuen Bundesstaat einzugliedern. Erst im Kulturkampf der 1870er-Jahre, als sich für rund hundert Jahre ein katholisch-konservatives Milieu bildete, präzisierte er, dass seine Mitglieder katholisch seien.

AKVBurgundiaStall SS1904 100dpiDer «Fuxenstall» der Burgundia (Bern) 1904. 1916 werden zwei Romands ausgeschlossen, weil sie diese Formen ablehnen.

Gleichzeitig schwelte im Verein der Konflikt zwischen dem geselligen Element und der idealistischen Ausrichtung der Gründerjahre. Ab den 1880er-­Jahren diskutierte der StV während dreissig Jahren, welche Trinksitten akzeptabel seien und wie sich dies auf die Betätigung der Mitglieder in ­Wissenschaft und Religion auswirke.

Hinzu kam gegen Ende das Jahrhunderts die «soziale Frage». Papst Leo XIII. hatte 1892 mit einer Enzyklika als Antwort auf den Kommunismus und Liberalismus des 19. Jahrhunderts den Grundstein für eine katholische Sozialpolitik gelegt, die 1891 mit Josef Zemp, einem Mitglied des Studentenvereins, erstmals im Bundesrat vertretenen katholischen Milieu geradezu aufgesogen wurde. Im StV lieferte die Enzyklika neue Argumente gegen studentischen Prunk, Äusserlichkeit und Alkohol. Mehrere Versuche von Vereinsgremien, deutsche Gebräuche einzudämmen, scheiterten allerdings bei der Umsetzung in den Sektionen vor Ort.

Krach im Zofingerverein

Nicht nur im katholischen Studentenverein, auch in anderen Studentenverbänden wurde die Reform des Verbindungslebens intensiv diskutiert, so um die Jahrhundertwende im reformierten und freisinnigen Pendant des StV, dem Zofingerverein. Dort bildete sich die Fraktion der «Idealzofinger», welche die aus Deutschland eingeführten Sitten und Gebräuche abschaffen und sich mehr der Wissenschaft und der Politik widmen wollte. In Zürich führte der Streit um die äusserlichen Formen 1903 gar zu einer Abspaltung.

Die Frage einer Reform des Verbindungswesens blieb trotzdem ungelöst, erhielt aber zunehmend eine politische Dimension. Die «Idealzofinger» neigten zur Sozialdemokratie. 1916 hielt die «Zofingia» ihre Zentraldiskussion nicht zufällig zum Thema «Der Imperialismus der Grossmächte und die Schweiz» ab. Der deutschlandfreundliche General Wille wurde zum Inbegriff der sich nach dem nördlichen Nachbarn orientierenden Elite. Es ist kein Zufall, dass die antideutschen Demonstranten vor dem deutschen Konsulat in Lausanne im Januar 1916 von einem guten Dutzend Zofinger angefeuert wurden.

Wie im StV waren es vor allem die Romands, die sich gegen deutsche Formen wehrten. Zu einer Neugründung innerhalb des Zofingervereins wie die «Berchtoldia» kam es allerdings nicht, weil dieser strikte daran festhielt, dass es an einer Universität nur eine «Zofingia» geben dürfe.

Abschaffung des Trinkzwangs

Es war der Weltkrieg, der dem Reformgedanken im katholischen Dachverband zum Durchbruch verhalf. Politisch stand der Verein wegen der katholischen Soziallehre geschlossener da als die Zofinger. Doch wie die Gründungsideale gelebt werden sollten, war umstritten. Im Sommer 1916 beschloss die Generalversammlung des Studentenvereins in einem «Reformprogramm», dass Trinkzwang und Bierduelle abgeschafft und die Zahl der obligatorischen Anlässe in den Vereinssektionen reduziert werden müsse. Ziel war die Rückbesinnung auf die Gründungsidee des Vereins, auf ein Gleichgewicht von Ideellem und Geselligem, auf das Bekenntnis zur Schweiz statt zu fremden Trinksitten, also dem Verzicht auf den «esprit imbu d’Outre-Rhin», den «Geist von ennet dem Rhein», wie sich ein Gründer der «Berchtoldia» in einem Brief an die Vereinsleitung ausdrückte. Es dürfe keinem grundsatztreuen Studenten aus finanziellen Gründen der Eintritt in die Verbindung verwehrt bleiben. Auf keinen Fall dürfe die Verbindung das Studium beeinträchtigen.

Von diesem Beschluss ist es nur ein kleiner Weg bis zur Gründung der «Reformverbindungen», denn die Umsetzung in den Verbindungen vor Ort liess wiederum auf sich warten. Worauf sich Romands und Sympathisanten in Deutschschweizer Verbindungen widersetzten, austraten oder ausgeschlossen wurden. Sie gründeten neue Verbindungen.

So entstand aus der Rückbesinnung des patriotischen Studentenvereins und der Ablehnung deutscher Verbindungsformen unter dem Eindruck des Weltkrieges in Bern (1917), danach in Freiburg (1918, «Fryburgia») und später in Zürich (1921, «Welfen») ein neuer Verbindungstyp. Erst 1939 erreichte die Reformbewegung auch die Universität Basel, als sich die «Froburger» von der «Rauracia» abtrennten.

Die Reformverbindungen aus dem damaligen Geist bestehen noch heute. Seit den Siebzigerjahren haben sie sich folgerichtig mehrheitlich für Frauen geöffnet, weil ein gesellschaftliches und wissenschaftliches Engagement keine männliche Angelegenheit mehr war und nur mit dem anderen Geschlecht funktionieren konnte. Die «Berchtoldia» engagierte sich besonders im Dachverband, dem StV, aber auch in Wirtschaft und Politik: In den Sechziger- und Siebzigerjahren hätte sie im Bundesparlament eine eigene Fraktion stellen können.

In Bern feiert die Gründung der ­sieben Jurassier vom Mai 1917 an Pfingsten ihren 100. Geburtstag. Erwartet werden mehr als dreihundert Gäste aus dem In- und Ausland   – auch aus Deutschland.

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