Eine vielleicht nicht ganz differenzierte, aber doch sehr interessante Sicht auf das "Gaudeamus", welches unter anderem traditionellerweise immer am Dies Academicus der Universität gesungen wird. Ich glaube, die wenigsten haben sich schon einmal Gedanken über den Inhalt des Liedtextes gemacht.

 

 

Aus dem Willisauer Boten, Nr. 63, vom 8. Juni 2002.

Von Kurt Steinmann (inkl. Übersetzung).

 

Kurt Steinmann, geboren 1945 in Willisau-Stadt. Seit 1981 wohnhaft in Reussbühl. Matura Kantonsschule Luzern. Studium der Klassischen Philologie und Germanistik an der Universität Zürich. Doktorat 1975. Seit 1971 Lehrer für Latein und Griechisch an der Kantonsschule Reussbühl. Zahlreiche veröffentlichte Übersetzungen aus dem Lateinischen und Griechischen, die zum Teil als Vorlage für Inszenierungen in Deutschland und in der Schweiz dienten. Verfasser von Kurzgeschichten, Essays, Rezensionen, Mitglied des ISV, der Gruppe Olten und des PEN-Clubs. Mitarbeit bei verschiedenen Zeitungen, u.a. der NZZ. Autor literarischer Sendungen für den Südwestfunk Baden-Baden.

 

Gaudeamus igitur!

 

Christian Wilhelm Kindleben? Sagt Ihnen der Name etwas? Vermutlich nicht – es sei denn, Sie gehören oder gehörten einer studentischen Verbindung an, die seinen Namen hochhält, ist doch der 1748 in Berlin geborene evangelische Theologe Kindleben der Hersausgeber des ältesten deutschen Liederbuches, das 1781 in Halle an der Saale gedruckt wurde. Die meisten der darin enthaltenen 64 Lieder sind in Vergessenheit geraten – ausser das „Gaudeamus igitur“, die studentische Hymne schlechthin, deren heutige Fassung auf Kindleben zurückgeht.

 

In einer Hitparade studentischen Liedguts würde das „Gaudeamus“ weltweit obenauf schwingen, so eingängig ist die sieghaft auftriumphierende Melodie, so lebensbejahend die „carpe diem“-Philosophie der sieben Strophen. Und wenn erst noch die durch edlen Reben- oder Gerstensaft gelockerten Stimmbänder einer stolzen Corona das Lied in eine sternfunkelnde Nacht hinausschmettert, tönt es mächtig und festlich, und auch weniger Sangeskundige können mühelos mithalten, etwa so wie beim „Grosser Gott, wir loben Dich“.

 

Nun aber wollen wir den Text dieses akademischen Hits etwas genauer inspizieren. Es wird sich herausstellen – selbst wenn wir zubilligen, dass Libretti gegenüber ihrer musikalischen Interpretation oft etwas arg naiv, simpel und manchmal ärgerlich sind („Freude, schöner Götterfunken, Tochter aus Elysium“: verstehen Sie das?) – dass der Text des „Gaudeamus“ in mancher Hinsicht nicht unproblematisch ist.

 

Gaudeamus igitur,

iuvenes dum sumus;

post iucundam iuventutem,

post molestam senectutem

nos habebit humus?

Also wollen wir uns freuen,

solange wir noch jung sind;

nach erfreulicher Jugend,

nach beschwerlichem Alter

wird uns die Erde haben!

Gewiss, so werden wir einwenden, wollen wir uns auch noch freuen, wenn wir nicht mehr so jung sind. Dem Text ist zugute zu halten, dass man im alten Rom bis 45 ein „iuvenis“ war, doch auch nach 45 Lebensjahren will man sich freuen. Dass Lebensfreude auf die jungen Jahre beschränkt sein soll, ist ein altes Vorurteil. Ebenso wenig ist die Mär von der freudenreichen Jugend und vom lastvollen Alter gültig. Man sehe sich die lebenslustigen, fitten Senioren und die oft gelangweilten, gestressten und depressiven Jugendlichen von heute an! Hier lügt der Text (als er entstand, war die Situation etwas anders, aber wir singen ihn ja heute). Und wer sich kremieren lässt, den wird die Erde nicht haben.

 

Ubi sunt, qui ante nos

in mundo fuere ?

vadite ad superos,

transite ad inferos,

hos si vis videre.

Wo sind jene, die vor uns

auf der Welt gewesen?

geht zu denen oben,

geht zu denen drunten,

wenn du sie sehen willst.

Die gestellte Frage ist banal, und sie wird auch gleich beantwortet: Sie sind im Himmel oder in der Hölle. Interessant ist die im platonisch-ciceronianischen Geist geäusserte Überzeugung vom postmortalem Sehkontakt mit den Verstorbenen.

 

Vita nostra brevis est,

brevi finietur,

venit mors velociter,

rapit nos atrociter,

nemini parcetur.

Unser Leben ist kurz,

in Kürze wird es enden,

der Tod kommt schnell,

reisst uns grausam hinweg,

niemand wird verschont werden.

Dass das Leben sub specie aeternitatis kurz ist und keinen verschont, ist eine Binsenweisheit, und seit je diente die dunkle Folie des Todes als Mahnung zum Lebensgenuss. Sehr oft aber kommt der Sensemann ganz und gar nicht schnell, sondern fährt seiner Ernte erst nach langem Siechtum des leidenden Menschen ein.

 

Vivat academia,

vivant professores,

vivat membrum quodlibet,

vivant membra quaelibet,

semper sint in flore !

Hoch lebe die Universität,

hoch leben die Professoren,

hoch lebe jedes Mitglied,

hoch lebe das Ganze,

es sei immer in Blüte!

Die von Etatkürzungen gebeutelten, immer mehr in die Zwangsjacke normierter Studienmodelle gezwängten Universitäten können ein Vivat! gewiss gebrauchen. Heute aber müsste der Wunsch lauten: Es komme wieder in Blüte! Von Blüte ist bei den Universitäten nämlich nichts zu spüren. Verschulung, Vermassung, Nivellierung allenthalben.

 

Vivant omnes virgines

faciles, formosae,

vivant et mulieres,

tenerae, amabiles,

bonae, laboriosae!

 

Hoch sollen leben alle jungen Frauen,

die freundlichen, schönen,

hoch leben die Ehehfrauen,

die zarten, liebevollen,

die guten und arbeitsamen!

Der sangesfreudige Scholar unterscheidet fein säuberlich zwei Arten von Frauen, auf die er – wie galant! – ohne Unterschied einen Hochruf ausbringt. Zuerst auf die „virgines“ , was nicht unbedingt „Jungfrauen“ heissen muss, obwohl doch im Geheimen an diesen mythenumrankten Vorzug gedacht sein mag. Mit dem Wunsch bedacht werden allein die „freundlichen“ – man könnte auch übersetzen: die „willigen“ oder „nachgiebigen“ - und die „schönen“, wobei das lateinische „formosus“ eigentlich „reich an Formen heisst“, was ein Schlaglicht auf die ästhetischen Erwartungen des Studiosus wirft. Die weniger gefügigen, vielleicht so gar gelegentlich widerredenden jungen Frauen, die mit körperlichen Reizen weniger gesegnet sind, werden der Gnade des studentischen Hochrufes nicht zuteil. Bei den verheirateten Frauen, allesamt Noras im Puppenheim, zählen liebevolle Hingabe und Fleiss als massgebende Kriterien, von Schönheit ist jetzt nicht mehr die Rede. Das Frauenbild des „Gaudeamus“ ist katastrophal, doch wird das Lied heutzutage selbst von farbentragenden Kommilitoninnen inbrünstig dahergesungen.

 

Vivat et res publica

et qui illam regit,

vivat nostra civitas,

Maecenatum caritas,

quae nos hic protegit!

Hoch lebe auch der Staat

und wer ihn regiert,

es lebe unsere Bürgerschaft,

die Zuneigung der Mäzene,

die uns hier beschützt!

Gegen ein Vivat! auf den Staat und seine Führung ist natürlich nichts einzuwenden, auch wenn der Singular des Verbs doch eher auf einen Monarchen als auf eine durch den Volkswillen legitimierte Regierung schliessen lässt. Hübsch ist, dass die „Protektion“ der Mäzene, sprich Altherren, nicht unerwähnt bleibt, ist doch die Aussicht, durch diese bestandenen Herren in der Karriereentwicklung gefördert zu werden, ein recht starkes Motiv zum Beitritt zu einer Studentenverbindung.

 

Pereat tristitia,

pereant osores,

pereat diabolus,

quivis antiburschius,

atque irrisores.

 

Nieder mit der Traurigkeit,

nieder mit den Hassern,

nieder mit dem Teufel,

mit jedem Feind der Burschen

und mit allen Spöttern.

Dass der Teufel und die Hasser mit der starken Schmähung des „pereat“ bedacht werden, freut alle Wohlmeinenden. Etwas bedenklicher ist der Ausschluss derer, die von der Seuche der Traurigkeit angesteckt sind, also derjenigen, die nicht auf Geheiss lustig sein können („gaudeamus“), der Grübler und Zweifler und der Spötter, die das „Gaudeamus“ textlich nicht ganz unbedenklich finden. Und als hätte der Autor der Strophen es geahnt, dass dereinst wüste Feinde des Geselligkeit singende Verbindungsstudenten als „Nazi-Sänger“ (Tübinger Flugblatt zum traditionellen Maisingen) verunglimpfen würden, hat er in das „Nieder mit ihm!“ auch alle Korporationsfeinde eingeschlossen.

 

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